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Im Auftrag des Schicksals

 

 
 

1) Die Gewitternacht

 
 

Ein unnatürlich kalter Lufthauch strich an den kahlen Steinwänden des alten Schlosses entlang.
Hin und wieder war ein geisterhaftes Seufzen zu hören, welches wohl von dem eisigen Wind herrührte, der durch die brüchigen Mauern strich.

Der nächtliche Sturm nahm an Heftigkeit von Minute zu Minute zu und stellte die Scharniere der verrotteten Fensterläden auf eine harte Probe. Die scheinbar endlosen Flure waren von schwachem Dämmerlicht erfüllt und wirkten wie ein unheimliches Labyrinth der Trostlosigkeit.

Einige langstielige Kerzen brannte in dem großen Saal, der sich im Zentrum des Schlosses befand und mit allerlei antiken Waffen, Figuren und Gemälden geschmückt war. Schwerer Regen trommelte auf die schmalen Fenster, welche dem Raum die kalten Erhabenheit einer ehrwürdigen Kathedrale verliehen. Wieder war das seltsame Seufzen zu hören, diesmal in Begleitung langsamer Schritte, die sich dem Saal näherten. Die massive Eingangstür des Saales wurde aufgedrückt. Der sich nur widerwillig drehende Messingknauf verlangte mit einem quälend lauten Knacken nach einem Tropfen Schmieröl.

Begleitet von krachendem Donner, zuckte ein greller Blitz auf und warf für den Bruchteil einer Sekunde den Schatten einer hageren Gestalt an die mit bunten Teppichen dekorierte Wand. Gleichzeitig verriet eine dreigewichtige Pendeluhr schnarrend die Stunde, um gleich wieder zu verstummen. Die unheimliche Erscheinung achtete nicht darauf. Ohne ihre Schritte zu verlangsamen, durchquerte sie den Raum und verschwand seufzend in einen der finsteren Gänge, die zum Osttflügel des Schlosses führten.

Wieder schien sich die Wucht des Gewitters zu verstärken und der kalte Lufthauch hätte jeden normalen Menschen frösteln lassen. Doch die einsame Gestalt schien für die unangenehme Temperaturen keine Empfindung zu haben. Nun lenkte sie ihre Schritte über eine breite Steintreppe und stand bald vor einer schmalen Holztür, welche sie vorsichtig, fast behutsam öffnete.

Einen Augenblick später stand der unheimliche Geselle in einem Raum, der offenbar als Arbeitszimmer genutzt wurde: wohl gefüllte Bücherschränke, der mit Dokumenten bedeckte Schreibtisch und ein überquellender Papierkorb verrieten, dass sich der Hausherr hier oft aufhielt.

Schleppend trat er an den Schreibtisch und ließ sich auf dem knarrenden Stuhl nieder, der dahinter stand. Für lange Zeit schien er dem Regen zu lauschen, der mit unverminderter Kraft die Fenster peitschte. Mit hängenden Schultern starrte er ins Leere … und wartete.

Erinnerungen schwebten wie graue Nebelschwaden durch seinen Kopf, er glaubte Meeresrauschen zu hören, das schmerzerfüllte Weinen einer jungen Frau, das schrille Quietschen von Autoreifen …

Er beschloß, die sentimentalen Gedanken zu vertreiben und an die glorreichen Zeiten zurückzudenken, als rattenverseuchte Schiffe aus fernen Ländern neue Gestade anliefen und ihm Großaufträge verschafften. Oder an das letzte Jahrhundert, welches zweifellos in seinem Zeichen gestanden hatte. Sein Blick wanderte über die hohen Bücherregale an den Wänden des Raumes. Er lächelte. Bücher waren wie Sterbliche. Wenn Bücher brennen, brennen bald auch Menschen.

Der Tod sank noch tiefer in seinen Sessel zurück. Wehmütige Empfindungen bohrten sich durch sein Innenleben. Er war eins mit seinem Job, aber an manchen Tagen fiel es ihm sehr schwer, sich zu motivieren. Die Bürokratie vergällte ihm immer mehr die Arbeit. Er wollte die Zielperson ausschalten. Wie einen gewöhnlichen Auftrag. Aber dann war völlig überraschend von höchster Stelle das Veto eingetroffen. „Keine Aktion setzen in dieser Angelegenheit! Weitere Befehle folgen!“ Die Anweisung war so rätselhaft wie unmissverständlich. Wieso mussten sie ihm immer ins Handerwerk pfuschen? Er war der Tod, verdammt! Ein freier Dienstnehmer! Wie zur Bestätigung fühlte er das Gewicht der zusammengeklappten Sense in der Tasche seiner zerschlissenen Kutte.

Wieder mischte sich das Rauschen des Regens mit dem Rauschen des Ozeans in seiner Erinnerung. Er mochte das Meer. Ohne Meer kein Leben. Ohne Leben kein Ableben. Das Meer ist immer gut.

Ja, er dachte gerne an damals zurück.

 

 
 
2) Der Bote des Schicksals
 
 

Es schien eine Ewigkeit vergangen zu sein, ehe der Tod plötzlich den Kopf hob und für einen Augenblick angestrengt zu lauschen schien. Dann sackte er wieder in sich zusammen, presste seine dürren Fingerspitzen zusammen und schloß die Augen. „Wieso nur fühle ich die Anwesenheit einer lästigen Filzlaus …?“ murmelte er gereizt.

Einen Moment schien die Zeit still zu stehen, dann erschien wie aus dem Nichts eine kindliche Gestalt auf dem Schreibtisch. Der Tod rührte sich beim Anblick der seltsamen Erscheinung nicht, sondern beschränkte sich darauf, den Neuankömmling mit wütendem Blick zu mustern.

Der in roten Stoff gehüllte Kleine ließ ein freches Kichern hören, welches in der schweren Melancholie des Raumes seltsam unpassend wirkte: „Wieder ein Unwetter nur für mich, nicht wahr, Onkel?“ Dabei schienen seine märchenhaft-blauen Augen schalkhaft zu blitzen.

„Meine Freude über dein Erscheinen übersteigt jedes Fassungsvermögen.“ Die Stimme der Todes war ruhig, ja stoisch, doch der kleine Eindringling schien sehr genau zu wissen, wie es im Inneren seines großen „Verwandten“ aussah. Wer, wenn nicht er …

„Ich muss schon sagen, deine Burg verfällt mehr und mehr … und die ständigen Unwetter, mit denen du im Vortex Turbulenzen verursachst, verbessern nicht gerade die Atmosphäre. Du wirst doch diese unangenehmen Stürme nicht kreieren, nur um mir bei meinen Besuchen eins auszuwischen?“

„Ich weiss wirklich nicht, wovon du sprichst!“ erwiderte der Hausherr kalt und gab sich keinerlei Mühe, den beißenden Sarkasmus in seiner Stimme zu verbergen. Der Kleine Tod schüttelte mißbilligend seinen runden Kopf: „Ich verstehe immer besser, warum die Liste deiner Freunde so kurz ist! Ich habe inständig gehofft, du hättest mich irgendwie … naja … gern.“

Der Tod verharrte weiterhin reglos in seiner brütenden Haltung und würdigte den kleinen Frechdachs keines Blickes: „Nun, wie lautet die Entscheidung?“

Die Antwort der Küchenschabe war voll schlecht gespielten Mitleids: „Armes, armes Onkelchen! Ich kann dir nur raten, eine kooperativere Haltung einzunehmen. Sonst muss ich diesen bedauerlichen Hang zur Insubordination in meinem Bericht erwähnen. Du weißt ja: meine direkte Vorgesetzte…“

Der Tod stöhnte genervt: „Meine … Haltung tut nichts zur Sache. Ich bin nur diesen Schwall an Vorschriften nach wie vor nicht gewohnt, das ist alles. Es ist ein altes Thema, doch neu für mich.
Ferner konnte ich diese schwarzhaarige Besserwisserin nie leiden.“

Die niedliche Wanze grinste unverschämt: „Soll ich ihr dies ausrichten?“
„Ich wäre dir höchst dankbar, wenn du ihr meine persönliche Meinung nicht unter die Nase bändest.“

„In meiner Eigenschaft als dein Bewährungshelfer möchte ich betonen, dass du mir dein uneingeschränktes Vertrauen schenken kannst.“ Der Tod verzichtete darauf, diese Unverfrorenheit zu kommentieren, um seine Würde zu nicht verlieren.

Der blauäuige Gast ließ abermals sein schadenfrohes Kichern hören: „Mein heutiger Besuch ist ganz und gar offzieller Natur. Ich bin gekommen, um dir mitzuteilen, daß die Sitzung des Rates sehr lange gedauert hat. Deinem Ansuchen wurde endlich stattgegeben … teilweise.“

Der Tod blickte seinen kleinen Quälgeist an und hob mißtrauisch eine seiner langen Augenbrauen: „Was soll das nun wieder bedeuten?“ Es gelang ihm diesmal nicht ganz, die aufkeimende Neugier in seiner Stimme zu unterdrücken.

Der Kleine Tod grinste zufrieden: er hatte es geschafft, nun endgültig die Aufmerksamkeit seines großen „Verwandten“ zu erlangen und dieser Triumph erfüllte ihn mit wohltuender Schadenfreude: „Es handelt sich hierbei um einen Spezialfall. Es geht um die Zielperson, welche … ach, das würdest du ja doch nicht verstehen. Du bist ja immer so stur und streng rational.“

Der Tod wurde ungeduldig: „Stur, rational und nicht gerade mit einem Übermaß an Geduld gesegnet, um es diplomatisch auszudrücken. Also, sag endlich, worauf du hinauswillst, sonst stehen die Chancen nicht schlecht, dass die Sterblichen in Zukunft ohne deine Dienste auskommen müssen … was ich natürlich sehr bedauern würde.“

Beiläufig fasste der Tod in seine Tasche, holte die Sense hervor und legte sie genau vor sich auf den Tisch. Dann verschränkte er die Arme und warf seinem Bewährungshelfer einen Blick von beeindruckter Klarheit zu. Einen Moment lang herrschte peinliches Schweigen.

Der kleine Widerling ging auf die Drohung nicht näher ein: „Nun gut, ich will versuchen, es dir zu verständlich zu machen: Besagte Sterbliche stammt aus Wien…“ Der Tod unterbrach ihn: „Ohne Zweifel eine meiner Lieblingstädte: dort wird mir wenigstens noch Respekt eingegengebracht. Wien sehen und sterben! Ich könnte dir da Geschichten erzählen. Allein im Jahre 1679 …“

Der Kleine Tod war für einen Moment perplex: „Du hast doch nicht vor, einen Nebenjob als Chef des dortigen Stadtmarketings anzunehmen, nicht wahr? Die Vorsehung würde hier sicher nicht zustimmen. Deine Leidenschaft für Salzburg in Ehren, aber …“

Der Tod beeilte sich, seinen Besucher zu beruhigen: „Nur ein Scherz! Fahre fort, ganz weit weg, wenn ich bitten darf.“ Es fiel ihm immer schwerer, der übermächtigen Versuchung zu widerstehen, die lästige Schmeißfliege mit einem gezielten Tritt in den strömenden Regen zu befördern.

Der Kleine Tod räusperte sich. Ihm war mittlerweile ein wenig unbehaglich geworden. Mit sachlicher Stimme erläuterte er: „Besagte Sterbliche ist bis auf weiteres zu verschonen! Ohne Wenn und Aber! Sie stellt einen Sonderfall dar, der in kein herkömmliches Schema passt. Du verstehst?“

Der Gevatter richtete sich ein wenig in seinem Sessel auf: „Was ist an dieser Sterblichen nun so besonders? Sie ist eine Zielperson, die ihre Zeit gehabt hat. Eben jene hat sich zweifellos während der Sitzung dazu geäußert, wie ich annehmen darf?“ Angestrengt versuchte er, den tieferen Sinn aus den Worten seines verschlagenen Gegenübers herauszufinden. Dabei fühlte er sich so unbehaglich wie bei seinem letzten Friedhofsbesuch. Er hatte die Zeit bisher immer als Verbündeten betrachtet, obwohl sie ein fester Bestandteil des etablierten Machtapparates war. Doch nun wurde der Tod auch in dieser Hinsicht unsicher. Wie weit reichte die Verschwörung gegen ihn schon?

„Ich darf dir versichern, dass auch die Zeit den Bescheid uneingeschränkt unterstützt hat. Was nun die Zielperson betrifft: zunächst ist sie auch für die Begriffe der Sterblichen höchst unorthodox … um nicht zu sagen … einzigartig. Von ganz besonderer Beschaffenheit!“

Der Tod wartete immer noch auf eine alles erklärende Erkenntnis und sank dann sichtlich enttäuscht zurück: „Du meinst … verrückt? Das haben Sterbliche so an sich! Dem Wahnsinn der Menschen verdanke ich immer wieder meine besten Aufräge, wie du wohl weißt.“ Abermals flackerte seine Abneigung gegen die Winkelzüge dieses Fehlversuches der Schöpfung auf. Nur ein Tritt …

Der Kleine Tod wartete einen Moment mit seiner Antwort, um die Spannung seines skeptischen Gesprächspartners zu erhöhen: „Wie dem auch sei … sie darf nicht sterben. Unter keinen Umständen! Es ist dir strengstens verboten, sie zu holen. Der Rat hat bereits entsprechende Gegenmaßnahmen ergriffen und einen Beschützer entsandt. Vor allem die Vorsehung war in diesem Punkt …“

Die Augen des Todes flammten auf: „Wer sollte mich stoppen? Ich bin der Tod! Eine Urkraft! Die erbarmungslose Gerechtigkeit! Niemand wird mir die Tour vermasseln! Niemand! Niemand!!“
„Im vorliegenden Fall aber schon.“  
„Und welcher todesmutiger Held will mir dazwischenfunken? Ein Ritter in strahlender Rüstung!?“
„Falsch wiewohl gut geraten: es wird vielmehr die Putzfrau sein.“ (1)
Der Tod fuhr hoch, seine rechte Hand schnellte vor und packte den Kleinen an seinem flauschigen Kragen: „Was soll das bedeuten?!“

Der Kleine stieß einen quieckenden Schreckensschrei aus und versuchte verzweifelt, sich durch heftiges Strampeln zu befreien. Vergeblich! Die bleichen Finger hielten ihn eisern fest. „Warum so hitzig?“ röchelte er beschwichtigend. „Ich dachte, vor dir sind alle gleich! “

In den Augen des Todes flammte die rote Wut. „Ich gebe dir noch die Gelegenheit, mir zu sagen, was du mit der teilweisen Annahme meines Antrags gemeint hast!“ brüllte er. „Nun sprich endlich!!“
„Einverstanden … wenn du mich loslässt!“

 

 
 
3) Das Werk der Sterblichen
 
 

Der Tod knurrte drohend, lockerte den Griff und ließ seinen Gegner unsanft auf die Tischplatte plumpsen. Der Kleine kämpfte sich mühsam auf seine Beinchen und rieb sein schmerzendes Hinterteil. „Nun, du vertratest in einer der letzten Versammlungen die Ansicht, dass es sinnvoll wäre, die Sterblichen von ihrem Überlebenstrieb zu befreien. Erinnerst du dich?“

Der Tod schwieg einen Augenblick, ehe er heftig nickte: „Haben die da oben endlich eingesehen, dass es keinen Sinn hat, mir die Arbeit mit solch unvernünftigen Hürden zu erschweren?“

„Ja … und nein. Man hat sich für einen Mittelweg entschieden. Besagter Zielperson ist es vom Schicksal vorherbestimmt, durch ihr Werk etlichen Sterblichen die Angst vor dir zu nehmen. Das sollte dir deinen Job erleichtern. Eine Art Entgegenkommen, wenn du so willst.“

Der Tod war sprachlos. Er hasste nichts mehr als Intrigen. Zuerst warfen ihm die Ratsmitglieder bündelweise Knüppel zwischen die Beine und nun ein „Entgegenkommen“? Ein neuerlicher Wutanfall war die natürliche Konsequenz.

„Die Angst vor mir nehmen? Wie genau soll das geschehen? Was für ein Werk? Raus mit der Sprache, du blauäugiges Ekel!!“

Der Bewährungshelfer zuckte mit der Schulter: „Der Rest ist top secret und bis auf weiteres unter Verschluss.“ Dann wurde seine Stimme mit einem Schlag hart und kompromisslos: „Mach jetzt bloss keinen Fehler! Die bewusste Sterbliche ist tabu für dich. Ein Verstoß gegen diesen Bescheid würde schwerste Konsequenzen nach sich ziehen! Niemand könnte dir dann noch helfen. Auch ich nicht. Und ich bin dein letzter und einziger Freund … Onkel!“  

Die Umrisse des Quälgeistes wurden unscharf, ehe er einen Augenblick später verschwand.

Der Tod ballte wütend die Fäuste. Dann, ganz langsam, sank er zurück in seinen Sessel. Dankbar für die Einsamkeit schloß er die Augen und gab sich seiner Melancholie hin. Draußen rauschte immer noch der Regen. Oder war es der Ozean? Der Tod entspannte sich und dachte nach.

Ein Satz ging ihm nicht mehr aus dem Kopf:
Sie stellt einen Sonderfall dar, der in kein herkömmliches Schema passt.“

Er ahnte nicht, wie zutreffend diese Beschreibung war.

 

 
  (1) Dies ist ein Querverweis des Autors auf ein Detail aus Nina Ruzickas Vergangenheit, in der mehrfach Putzfrauen schicksalsträchtige Rollen spielten und mindestens einmal sogar in ihre Lebensrettung involviert waren.  
     
 

Der Schwur

 

 
 

Im Kindergarten ist die Welt noch in Ordnung. Klar dürfen Buben mit Mädchen miteinander spielen. Und selbstverständlich darf man auch mit Buben befreundet sein. Das ist doch das natürlichste auf der Welt. Aber Papa sieht das nicht so. Er will nicht, dass Mama Freunde hat. Aber warum? Man braucht doch jemanden zum Spielen. Doch Papa meint, dass Mama ein oder zwei Freunde hat, die sie ihm verheimlicht. Und dann sagt er immer Worte, die das kleine Mädchen nicht versteht. Böse Worte. Und er klingt sehr traurig dabei. Manchmal weint er sogar. Das kleine Mädchen hat Angst, dass Papa auch an ihrem Geburtstag weinen wird. Der ist doch schon nächste Woche.

***

Die junge Frau greift nach der Cola-Dose, die auf der Armatur der Beifahrerseite steht. Das Schlucken dieses ekelhaft-warmen Gesöffs fällt ihr schwer. Die Frau hustet. Über 9 Stunden sitzt sie nun schon hinter dem Steuer. Für einen Moment kämpft sie gegen die aufkeimende Übelkeit an. Die frühsommerliche Hitze hat ihr bereits einiges abverlangt. Die Straße führt schnurgerade nach Westen, wo sich der Sonnenuntergang langsam ankündigt, vorbei an verstreut liegenden Siedlungen, ausgedörrten Wiesen, graublauen Seen und bewaldeten Hügelketten. Aber die junge Frau hat kein Interesse an der Landschaft: In ihrem Magen wühlt der Hunger. Einige Male hat sie der Versuchung widerstehen müssen, bei einem Schnellimbiss anzuhalten. Aber die Vernunft hat dann doch gesiegt: will sie für die Rückfahrt noch genug Benzingeld haben, muss sie die Zähne zusammenbeißen. Von einem Sandwich kann sie jetzt nur träumen. Also doch noch ein Schluck sonnengewärmtes Cola. Das Autoradio hat die Frau schon vor 300 Kilometern genervt abgedreht: Die unerträglich gute Laune der Moderatoren würde die Tortur der langen Fahrt nur verschärfen. Sie ist dankbar für die Stille.

Ist das nicht alles egal? Der Schwur, den sie als Kind geleistet hat, ist alles, was jetzt zählt. Heute wird sie ihn erfüllen. Die Recherchen haben viel Zeit und Mühe erfordert, aber letzte Woche hat sie es endlich geschafft, den Aufenthaltsort ihres Vaters ausfindig zu machen. Eine Telefonnummer war nicht in Erfahrung zu bringen, aber die Adresse scheint korrekt zu sein. In der Brusttasche ihres schweißnassen Hemdes spürt sie die Umrisse eines alten Fotos: ihr Vater ist darauf zu sehen, an ihrem 4. Geburtstag. Er trägt einen lustigen Party-Hut, mampft ein Stück Schokoladentorte und grinst in die Kamera. Zwei Tage später ist er verschwunden. Als sie realisiert hat, dass er nicht mehr wiederkommen würde, hat sie sich geschworen, ihn zu suchen, wenn sie einmal groß ist.

Die junge Frau hat das Bild wieder und wieder nachdenklich betrachtet. Ihr Vater erscheint darauf als kantig-männlicher Typ mit breiten Schultern und großen Händen. Ein Mann, nach dem sich Frauen auf der Straße schon mal umdrehen. Sie denkt oft an ihn, versucht sich an seine Stimme zu erinnern. Er ist immer ein ruhiger, eher zurückhaltender Mensch gewesen, der Sinn für Humor gehabt hat und der sich nur selten zu einem Wutanfall hat hinreißen lassen. Bloß wenn er mit Mama gestritten hat, ist er laut geworden und hat viele böse Worte gesagt. Und die beiden haben oft gestritten.

Die Anzahl der Kilometer, welche sie von ihrem Ziel trennt, schmilzt gnadenlos dahin. Die junge Frau spürt, wie ihre Aufregung umgekehrt proportional dazu wächst. Sie versucht, sich abzulenken. Sie denkt an ihre letzte Prüfung an der Uni: altes Ägypten mit der Vertiefung über das letzte vorchristliche Jahrhundert. Kleopatra V. und ihre außenpolitischen Grundsätze im Zusammenhang mit der römischen Expansionspolitik. Die meisten Studenten sind überrascht, wenn sie erfahren, dass es mehr als eine Kleopatra gegeben hat. Alle denken nur an die, welche sie aus dem alten Hollywood-Schinken mit der Taylor kennen. Dabei haben die ägyptischen Potentaten dieser Epoche ihren Töchtern bevorzugt diesen Namen gegeben. Warum? Familiensinn?

Und dann ist die Frau am Ziel. Die nächste Ortschaft und dann rechts abbiegen. Dies ist zumindest die Aussage der vergilbten Straßenkarte neben ihr. Eine rote Ampel gibt ihr eine letzte Gelegenheit, noch einmal tief durchzuatmen. Nur noch wenige Meter Galgenfrist und dann ist sie am Ziel ihrer Odyssee.

„Das muss es sein ...“ murmelt sie leise, beinahe ungläubig.

Es sind genügend freie Parkplätze vorhanden. Staub wirbelt auf, als sie ihr Auto zum Stillstand bringt. Der Motor verstummt. Sie steigt aus, schlägt die Tür zu. Die Sonne sticht in ihr schweißnasses Gesicht, zwingt sie, für einen Moment die Augen zu schließen. Wieder steigt Übelkeit in ihr hoch. Aber der Hunger ist nicht mehr der Grund dafür. Soll sie wieder einsteigen? Umkehren? Dann setzen sich ihre Füße von selbst in Bewegung. In diesem Moment ist sie der einsamste Mensch der Welt.
Kurz darauf steht sie vor dem Tresen, hinter dem ein junger Mann gerade dabei ist, frisch gewaschene Trinkgläser auf Hochglanz zu bringen, während ein altersschwacher Ventilator laut surrend sein bestes gibt, um das Raumklima erträglich zu halten. Der Typ hebt überrascht den Kopf, als er die Frau wahrnimmt. Seine Stimme ist jedoch freundlich, ruhig, fast ein wenig gelangweilt, als er ihre Fragen beantwortet und dabei unverdrossen fortfährt, seine Gläser zu schrubben.

Ja, er hat seinen Vorgänger gekannt. Ja, er kann ihn auf dem Foto erkennen. Allerdings ist dazu schon viel Fantasie nötig. Ja, der Laden hat früher dem Mann auf dem Foto gehört. Aber das Geschäft ist nicht gut gelaufen. Sogar das Telefon ist ihm schon vor langer Zeit wegen nicht bezahlter Rechnungen stillgelegt worden. Aber daran ist der Alte ja wohl selber schuld gewesen. Ruppig, ja geradezu ungehobelt hat er sich oft Kunden gegenüber verhalten. Misstrauisch ist er gegen jedermann gewesen, fast schon paranoid. Vor allem hat er offenbar ein Problem mit Frauen gehabt. Da ist er schnell ausfallend geworden. Warum? Keine Ahnung. Wer weiß das schon? Schlimm, dass er den Laden so heruntergewirtschaftet hat. Wo der Kerl jetzt ist? Na, rausgetragen haben sie ihn. Vor zwei Wochen. Abgekratzt. Fremdverschulden? Wahrscheinlich nicht. Obwohl ihm jemand kurz vor seinem Heimgang noch das Nasenbein gebrochen hat. Kein Wunder, bei so einem Charakter, oder? Ja, wirklich sehr bedauerlich. Ist das nun alles? Natürlich kann sie hier tanken. Die Toilette ist derzeit allerdings nicht in Betrieb. Dringende Sanierungsarbeiten. Er ersucht um ihr Verständnis.

Die junge Frau legt ihr letztes Geld auf den Tresen und füllt draußen den gierigen Tank ihres Wagens, soweit es der geringe Betrag erlaubt. Sie blickt sich noch einmal um, sieht nun sogar das handgemalte Schild aus Pappe an der Wand des kleinen Anbaus, in dem sich die Toiletten befinden müssen: Betreten verboten. Die Sonne versinkt gerade hinter den Bergen, als sie den Motor startet, um den Heimweg anzutreten. Wieder wirbeln Staubfontänen auf. Schüttelfrost lässt die Frau einige Male erschauern. Sie spürt den Hunger nicht mehr. Sie ist unerträglich müde. Ihre Augen brennen wie Feuer. Die Worte des neuen Inhabers jagen wie schmerzhafte Irrlichter durch ihr Gehirn.

Als ihr Auto über die Landstraße rast, murmelt sie immer wieder dieselben Wortfetzen: „Gestorben ... vor zwei Wochen ... tot ... zu spät gekommen ... Papa ... der Tod auf der Tankstelle ... der Tod ...“

Aber da ist die verfallene Raststation längst hinter ihr am Horizont verschwunden.


 
 
ENDE
 
     
 
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© Nina Ruzicka www.cartoontomb.de