Die verflixte deutsche Sprache
Geschrieben in T&M, Technische Details am Sonntag, 03.05.2009Es ist mir eine ganz besondere Freude, meine deutschen Leser ab und zu mal mit Österreichisch konfrontieren zu dürfen. Damit meine ich keineswegs irgendeinen Dialekt, sondern die paar hochoffiziellen Unterschiede, die unsere Sprache in beiden Ausprägungen kennt.
Die Schweizer und Lichtensteiner seien hier natürlich keineswegs ausgenommen, aber die sehe ich eher als auf meiner eigenen Seite des Zaunes stehend: Österreicher, Schweizer und sonstige Deutschzüngige kennen allesamt das deutsche Hochdeutsch, weil fast alle Kinofilme und TV-Serien in Deutschland synchronisiert werden. Aber die armen Deutschen, was kennen die schon? Die sind zu ewiger Einzelhaft im Elfenbeinturm verdammt und lernen von den anderen Ländern mittels Schiurlaub grad mal abstruse Dialekte kennen und meinen dann, das sei alles, was das andere Deutsch zu bieten hätte.
Grund für meine langatmige Einleitung ist der aktuelle Strip. Bis vor kurzem wusste ich noch gar nicht, dass es sich hierbei (drittes Panel) um einen Austriazismus handelt. Ich erfuhr davon im Zuge meiner Übersetzertätigkeit für den Abscheulichen Charles Christopher, wo ich in bester Absicht den Satz “Worauf hast du vergessen?” einfügte. Die Folge waren epileptische Anfälle bei der Hälfte aller deutschen Leser, die andere Hälfte fiel in ein Sprachkoma. Die paar Hartgesottenen, die bei Bewusstsein blieben, informierten mich darüber, dass man in Deutschland nicht “auf” etwas vergesse, das existiere schlicht und ergreifend nicht. Man vergesse nur “etwas”.
Nun gut, in der Übersetzung musste ich es zähneknirschend ändern. In meinem eigenen Comic bleibt es aber so stehen! Nicht, dass ich bewusst und hämisch grinsend diese spezielle Formulierung gewählt hätte, um auch die deutschen T&M-Leser ins Delirium zu schicken, nein, es ist wirklich so, dass wir Ösis “etwas vergessen” und “auf etwas vergessen” unterschiedlich gebrauchen. Man vergisst beispielsweise Dinge, die man gelernt hat, wie Vokabel. Man vergisst aber darauf, sie regelmäßig zu wiederholen. Der Unterschied ist diffizil und ich gestehe, ich handle hier rein gefühlsmäßig und kann es nicht grammatisch untermauern. Am deutlichsten wird der Unterschied wohl anhand folgenden Beispielsatzes:
“Ich habe auf Klaus vergessen.” (bedeutet: Ich habe Klaus unabsichtlich in der Raststation sitzen lassen und bin alleine weitergefahren. Oder: Ich hatte eine Verabredung mit Klaus und habe sie verschwitzt.)
“Ich habe Klaus vergessen.” (bedeutet: Ich habe Klaus einmal gekannt, ihn aber aus meiner Erinnerung gestrichen. Oder: Ich hatte eine Beziehung mit Klaus und habe mich endlich davon gelöst.)
Falls es jemanden gibt, der diesen Unterschied für alle verständlich erläutern kann, wäre ich für Unterstützung dankbar. So, wie ich es empfinde, bedeutet “auf etwas vergessen” eine konkrete Gedächtnislücke, wohingegen “etwas vergessen” ein längerer Prozess ist, etwas, das im Laufe der Zeit vonstatten geht.
Das ist aber nur die Spitze des Eisberges. In Deutschland kennt man etwa auch nicht “es geht sich (nicht) aus”. Dort sagt man “es langt noch/nicht” oder “es reicht noch/nicht” oder ähnlich Undefinierbares. Alles irgendwie nicht auf den Punkt kommend.
Wenn ihr Deutschen also von der EU profitieren wollt, dann importiert doch ein paar Ausdrücke aus dem Österreichischen Deutsch, damit sich eure Sprachlücken schließen. ;-)




