Kritik, die Zweite
Geschrieben in T&M, Technische Details, Wortspenden am Mittwoch, 03.11.2010So, jetzt habe ich einige Kommentare abgewartet, dann selbst kommentiert, und wieder einige Kommentare abgewartet. Es ist immer interessant, was sich bei solchen Viskositätsexperimenten ergibt. Wobei das Ergebnis – ich betone das, ehe jemand eine statistische Gegenbeweisrechnung aufstellt – nicht wissenschaftlich ausgewertet wurde, sondern meiner subjektiven Beobachtung entspricht.
Also. Zunächst war da die Kritik eines Lesers. Auf die wurde im Schnitt tendenziell eher abweisend reagiert. Einige gaben ihm Recht, einige meinten, er übertreibe. Dann habe ich meinen Kommentar gepostet, in welchem ich bestätige, dass der Kritiker bezüglich mathematischer Perspektive Recht habe, dass ich diese aber gar nicht anstrebe. Woraufhin die Kommentare ein bisschen umschwenkten. Einige meinten nun auch verschiedenste Perspektivefehler zu entdecken – und es wurde wirklich mehrmals auf “Fehler” hingewiesen – andere verteidigten den Erstkritiker gegen dessen Gegner. Dass ich selbst betont hatte, dass diese “Fehler” in der Perspektive gar keine seien, wurde anfangs noch registriert, dann aber im allgemeinen Aufschwung der fortgeführten Fehlersuche eher vergessen. Es wurde dabei aber betont, dass all die Fehler nicht weiter störten.
Der Grund, warum ich all das poste (ich könnte ja auch meinen Mund halten) ist der, dass ich Klarheit schaffen will, und zwar für alle. Einige sind jetzt mit Kritikpunkten nach außen getreten, die sie zuvor nie geäußert hatten. Andere haben auf einmal bislang unbeachtete Details entdeckt. Vielleicht werden jetzt auch einige sauer sein, weil ich ihre gut gemeinten Ratschläge nicht umsetze und “Fehler ausbessere”, aber darum geht es nicht. Es geht ums Aufrütteln, ums Umkrempeln und um Bewusstwerdung.
Fakt ist (und darauf habe ich auch schon in meinen FAQ hingewiesen, bitte nachzulesen), dass mein Comic weder ein Fotoroman ist noch einer sein soll. Die Fluchtpunkte in CAD nachzuberechnen ist also reichlich sinnlos bzw. könnte man genauso argumentieren, dass Menschen keine so großen runden Augen haben wie die von mir dargestellten. Wo fängt also der Fehler an und wo hört der künstlerische Stil auf?
Worin ich dem Erstkritiker allerdings Recht gebe ist, dass mein Raum-Zeichenstil noch nicht eindeutig genug ausgearbeitet ist, sonst würden solch gut gemeinte Ratschläge, wie ich meine Perspektive “verbessern” könnte, gar nicht erst aufkommen. Denn bislang hat mir noch nie jemand geschrieben, dass die Gesichter meiner Figuren nicht ganz richtig seien und ich doch mal ein Anatomiebuch zur Hand nehmen solle, dort könne ich sehen, wie Augen wirklich aussähen. Weil scheinbar bei meinen Figuren klar ist, dass ich sie absichtlich so zeichne, wie ich sie eben zeichne und es nicht an meiner mangelnden Kenntnis eines menschlichen Körpers liegt.
Insofern muss ich dem Kritiker wirklich danken. Er hat auf den Punkt gebracht, wo mein Problem ist. Es ist aber eben nicht die fehlerhafte Perspektive, wie immer noch einige glauben, denn die ist durchaus angestrebt. Aber eben nicht deutlich genug. Oder sagen wir lieber “bewusst abstrahiert”. Fehlerhaft würde implizieren, dass sie irrtümlich gegen die mathematische Perspektive verstößt. Ich habe es im Kommentar zu meinem letzten Blogeintrag schon erklärt, es soll bis zu einem gewissen Grad kulissenhaft, collageartig aussehen.
Insofern ist etwa die Kritik, dass der Kristalluster störend wirke, wieder genau der verkehrte Kritikansatz – oder sagen wir, hier wird als falsch erachtet, was von mir bewusst angestrebt ist. Die Flächigkeit, die Zusammenschachtelung, die eben nur eine Nuance nicht ganz ins rechte Bild passt. Natürlich kann man das persönlich als unschön erachten, so wie ich die großen Augen der Manga-Figuren als unschön erachte. Dennoch sind sie nicht falsch, sie sind nur ein Stil, den man mögen kann oder eben nicht.
Bei den Manga-Augen ist das aber wie es scheint offensichtlicher als bei meinen collagierten Räumen (die im übrigen sehr wohl auf Fluchtpunkten aufbauen, aber sich nicht unbedingt detailgetreu daran halten).



