NextComic 2011 in Linz
Geschrieben in News am Samstag, 05.03.2011In Linz findet dieser Tage (bis morgen, 08.03.2011) die NextComic statt, eine Veranstaltung, die sich in kürzester Zeit einen respektablen Ruf erworben hat und über die man in diesem ORF Artikel näheres erfahren kann.
Ich hätte die Gelegenheit gehabt, heute dort anwesend zu sein, was nun aber leider nicht der Fall sein wird, da ich
a) mir das falsche Datum aufgeschrieben hatte (der Februar hat bis zum 28. leider genau dieselbe Tagesverteilung wie der März) und ich erst vorgestern den Grund dafür erfuhr, warum ich am 5. Februar keinen Anruf bekam
b) ich heute zur Geburtstagsfeier meines Stiefvaters gehe und
c) ich keinen wirklichen Sinn darin sah, das ganze binnen 2 Tagen noch anzukündigen, weil vermutlich keiner so schnell umplanen hätte können, am wenigsten ich selbst.
De facto ist es aber auch so, dass ich mich auf Comicfestivals meist ebenso deplatziert fühle wie in Gottesdiensten. Und egal, was ich zu dem Thema sage, es ist immer falsch, wie mir mein diesbezüglicher jahrelanger Dialog mit meinem guten Comicgewissen Harald immer wieder beweist.
Aus diesem Anlass habe ich mich entschlossen, ein fiktives Interview mit mir selbst zum Thema “Was hast du eigentlich für ein Problem?” zu führen (und ich bitte darum, es nicht bierernst zu nehmen!).
F: Gehen wir gleich in medias res: Seit Jahr und Tag wehrst du dich gegen die Bezeichnung “Comiczeichnerin”, sondern bestehst auf Krücken wie “Geschichtenerzählerin” oder ähnliches. Warum ist dir deine Tätigkeit peinlich?
A: Sie ist mir nicht peinlich und ich will mich auch nicht bewusst distanzieren. Ich fühle mich bloß nicht so. Faktum ist natürlich, dass ich Comics zeichne und absolut dazu stehe. Aber ich fürchte mich bei jedem Interview vor der unvermeidlichen Frage “Warum zeichnen Sie Comics?”
F: Weshalb?
A: Weil ich darauf immer antworten muss, dass ich es tue, weil Filme zu machen teurer, aufwendiger und zeitintensiver ist, und ich vom Filmemachen weniger Ahnung habe als vom Comiczeichnen.
F: Und was stört dich an dieser Antwort?
A: Dass sie so klingt, als würde ich mich fürs Comiczeichnen schämen. Das ist aber nicht der Fall. Ich finde Comics gut, einige Comics lese ich sehr gerne, die meisten interessieren mich aber ebenso wenig wie das Großthema COMIC an sich.
F: Und das bedeutet?
A: Ich muss einen Vergleich heranziehen: Ich bin an sich ein Bücherfreund, aber ich liebe keineswegs alle Bücher. Wenn mich der Inhalt eines Buches nicht interessiert, dann werde ich es mir nicht daheim ins Regal stellen, bloß weil es ein Buch ist. Ich mag auch Kirchen (optisch) und ich feiere mit meiner Familie zu Weihnachten, aber ich bin deshalb kein Christ. Ja, ich bin in einem Land aufgewachsen, dessen Kultur christlich geprägt ist, allein deshalb weiß ich von dieser Religion vermutlich mehr als vom Islam oder dem Hinduismus. Aber ich bin dennoch kein Christ und ich finde es schrecklich, immer mit dem “christlichen Westen” in einen Topf geworfen zu werden. Wobei ich nichts gegen Christen habe, ich habe ja auch nichts gegen Holländer. Aber ich bin weder das eine noch das andere.
F: Gut. Und wo ist nun der Zusammenhang?
A: Ich mag Bücher, aber nicht alle (vermutlich sind mir rund 95% aller Bücher dieser Erde scheißegal), ich lebe in einem christlich geprägten Land, ohne Christ zu sein, und ich finde Holländer in Ordnung, ohne selbst einer sein zu müssen oder mich explizit für Holland zu interessieren. Kurz und gut: Ich mag einige Comics, ich arbeite mit den Stilmitteln des Comics und ich befürworte jegliche seriöse Aufmerksamkeit, die das Genre im deutschsprachigen Raum erhält. Aber deshalb muss ich nicht mit Fleisch und Blut allem verfallen sein, was mit Comics zusammen hängt. Es ist für mich ein bequemes Werkzeug, eine Ausdrucksform, die mir leicht fällt und mittels derer ich das ausdrücken kann, was ich ausdrücken will. Mehr aber schon nicht.
F: Und was ist daran schlecht?
A: Ich beobachte einfach, dass sich Vertreter bestimmter Kunstformen üblicherweise viel intensiver mit ihrem Medium verbunden fühlen, als ich das tue. Man wird kaum einen Künstler finden, der sich nicht mit den Heroen seiner Muse auseinandergesetzt und ihren Stil studiert hat, egal ob es sich nun um bildende, darstellende oder musische Künstler handelt. Kaum ein Komponist würde sagen “Ich mach ja nur eine Symphonie draus, weil ich unfähig bin, es auf die Leinwand zu bringen, denn eigentlich würde ich es lieber malen.” Auch die meisten Comiczeichner haben unheimlich viel Ahnung von Comics.
F: Und du nicht?
A: Ich weiß mehr über Comics als Otto Normalheini, der in seiner Kindheit Micky Maus gelesen und vielleicht gerade mal was von Asterix gehört hat. Aber jeder latent interessierte Comicleser hat mehr Fachwissen als ich. Ich muss ganz ehrlich sagen, es interessiert mich einfach nicht, wer grad welchen Comic zeichnet oder wer welche Auszeichnung erhalten hat. Ich habe auch nie bewusst einen bestimmten Zeichenstil zu imitieren oder zu adaptieren versucht. Ich zeichne einfach so, wie es mir am leichtesten fällt.
F: Bedeutet das, dass du das Medium wechseln würdest, hättest du die Möglichkeit dazu?
A: Ja. Wenn ich ebensolche Autonomie über meine Geschichte hätte, wie ich sie als Comicerzählerin und -zeichnerin habe, würde ich sofort einen Film daraus machen, vorzugsweise einen Animationsfilm, wiewohl die Grenzen zum Realfilm immer mehr verschwimmen. Und wenn die gute Fee käme und mich vor die Wahl stellte, das Zeichnen gegen ein ebenbürtiges musikalisches Talent eintauschen zu können, dann würde ich es vermutlich annehmen und stattdessen komponieren.
F: Mit anderen Worten, du hasst das Zeichnen?
A: Ganz und gar nicht! Ich mag es sogar sehr, weil es eben die Ausdrucksform ist, die mir am leichtesten fällt. Aber Musik finde ich persönlich schöner als Bilder. Ich gehe auch häufiger in Konzerte als in Ausstellungen.
F: Dann ist Zeichnen das Schlusslicht deiner persönlichen Wünsche, du tust es eben nur, weil du nichts anderes kannst?
A: Nein, nicht das Schlusslicht. Ich würde das Zeichnen zum Beispiel nicht gegen einen begnadeten Schreibstil tauschen. Ich lese gerne, aber Schriftstellerei reizt mich nicht wirklich. Und auch auf eine Karriere als Tänzerin kann ich verzichten. Das Zeichnen ist schon okay.
F: Gut. Und wo liegt nun genau dein Problem?
A: Ich würde so gerne klar und deutlich meine Position kommunizieren, ohne in der falschen Schublade zu landen. Wenn ich nun sage, dass ich Comics zwar gut finde, sie aber eigentlich nur als Mittel zum Zweck zeichne, weil es mir nicht um die Sache (i.e. das Comiczeichnen als Kunstform) geht, sondern nur darum, mein eigenes Ding so durchzuziehen, dass ich damit zufrieden sein kann, dann höre ich mein gutes Gewissen jetzt schon sagen, dass ich mich wieder mit Gewalt aus meiner Zugehörigkeit schummeln will, dass ich mit meinem Comiczeichner-Sein aus irgendeinem Grund verkracht bin, meine Wahrnehmung jedoch nicht mit den Tatsachen übereinstimme.
F: Okay, das hast du jetzt gesagt…
A: Ja, aber bei Interviews ist das immer so schwierig, man sieht ja, wie lange es dauert, bis es rauskommt, und dann steht erst wieder alles so verquer da und wird fehlinterpretiert…!
F: Bist du paranoid?
A: Mittlerweile…. nein, ich bin nicht paranoid, ich bin wohl eher neurotisch darauf bedacht, von jedem richtig verstanden zu werden…
F: … aber man kann es nicht der ganzen Welt recht machen?
A: So ist es wohl. Ich bin ein neurotischer Perfektionist mit einer Abneigung gegen Falsch-verstanden-werden. T_T
F: Na dann, willkommen in der Welt und viel Glück für den Rest deines Lebens!

Äh … ja, damit wären wohl alle Klarheiten beseitigt. ;-)
Gibbet so Leute wirklich, die Deine Mittel-zum-Zweck-Haltung als Blasphemie am heiligen Comic-Gral ansehen?
@ Turelion: Nein, es ist wohl eher Unverständnis, was ich irgendwo auch verstehen kann, weil es den meisten Künstlern eben wirklich um die Kunstform geht und sie sich damit identifizieren. Außerdem habe ich das erst im Zuge dieses “Interviews” so deutlich durchdacht und ausformuliert.
Ich sollte aber wohl hinzufügen, dass sich mein Unwille, mich an irgendetwas zu ketten eigentlich in jeden Lebensbereich ausdehnt. In der NINA habe ich genau dieselben Probleme behandelt, nur dass es da eben ums “Frausein” ging. Hier stieß ich auch immer wieder auf Unverständnis, wieso ich mich mit meiner “Rolle” – oder was immer man darin sehen mag – nicht identifiziere oder mich damit auseinandersetze. Offensichtlich tun das die meisten Frauen, über ihr Frausein nachzudenken. Mir war es nie in den Sinn gekommen und ich habe auch nie eingesehen, warum ich meine Selbstdefinition oder gar Lebensphilosophie darin suchen solle, mit welchem Geschlecht ich zur Welt gekommen bin. De facto geht es dabei ja viel eher um ein soziales Konstrukt denn um Biologie.
Beim Job ist das ähnlich. Menschen identifizieren sich gerne mit ihrer beruflichen Tätigkeit, die “sind” dann Ärzte, Handwerker oder was immer. Allein ein Blick in meinen CV zeigt jedoch, dass ich lieber von allem ein Häppchen probiere als mich auf ein einziges Gericht festzulegen.
Ich schätze, ich bin einfach ein Egozentriker, der sich durchs Leben treiben lässt und dabei sich selbst genug ist, um noch eine Definition über das Außen zu benötigen.
P.S. Als Kind bin ich eine Zeit lang tatsächlich an Wochenenden in den Gottesdienst gegangen – bis ich draufkam, dass man Oblaten auch im Supermarkt kaufen kann. Ich Charakterschwein, ich. :-P
Schön mal wieder was neues von dir zu lesen, Nina.
Ich wünsch dir – wenngleich unbekannterweise – viel Freude bei der Geburtstagsfeier deines Stiefvaters.
Das ist ein guter Grund dabei zusein und daher nicht zum Zeichen zu kommen.
Das ist doch verständlich, dass sich mehrfach Begabte nicht auf ein Segment ihrer Begabung festnageln lassen wollen.
Jemand der z.B. nur Spitzendeckerl häkeln kann, wird diese Kunst – sofern er/sie fleißig ist – hochhalten und perfektionieren bis zur Obsession und sich in dieser Kunst mit anderen messen in der Hoffnung der/die Beste zu sein.
Für jemanden der vieles kann, auch häkeln, haben Spitzendeckerln eine ganz andere Wertigkeit.
Die Welt ist für jeden Menschen so gross wie er sie auch begreifen, ausloten und verstehen kann.
Diejenigen, deren Horizont weiter ist, soll und kann man nicht festbinden.
Kennst Du Lloyd Kaufman? Ist m.E. ein Irrer, macht aber herzerreißend liebe independent-flicks (z.B. Poultrygeist: Night of the Chicken Dead) ;-).
Warum ich das erwähne? Es gibt eine äußerst informative Buchreihe von ihm:
Make/Direct/Produce your own damn movie (lookat amazon). Solltest DU vielleicht wirklich mal versuchen…
@ Melanie: Ich gebe dir vollkommen recht. Dieses “Interview” hatte ich schon länger im Hinterkopf, in erster Linie auch deshalb, um eine Referenz für künftige Rückfragen zu haben. Es gibt nichts hilfreicheres als Referenzen, wenn man sich nicht immer wiederholen will. ;-)
@ Pinocchio: Danke für den Tipp, aber ich persönlich werde sicher nicht zum Filmemacher. Gründe: Es ist teurer, aufwendiger und zeitintensiver, und ich habe davon weniger Ahnung als vom Comiczeichnen.
deshalb, und weil dieses monologische interview einige interessante Facetten deiner Selbstpräsentation enthält, hielte ich es für gut es unter “seiten” festzuhalten.
Betreffend film: schade. Aber vielleicht noch zum Musicalregisseur ;)