Freies Künstlertum vs. Brotjob
Geschrieben in Technische Details, Wortspenden am Freitag, 11.06.2010Ich hatte beim letzten Blogbeitrag den Mitschnitt von der Podiumsdiskussion verlinkt. Da gibt es aber noch einen wichtigen Punkt, der in der Diskussion zur Sprache kam, und auf den ich näher eingehen will.
Es ging um die Frage, wie man als Comiczeichner von seiner Kunst leben kann, ohne einem Brotjob nachgehen zu müssen. Dass das ganze harte Arbeit ist, darin waren sich alle einig. Was mir jedoch auffiel war, dass die meisten von ihnen eher am Anfang ihrer Karriere als Webcomickünstler standen. Ich mache das nun schon seit über 10 Jahren, ich habe damit angefangen, ehe es noch Blogs gab. Und im Gegensatz zu den meisten habe ich von Anfang an Geld damit verdient, weil mich der ORF bezahlte. Erst, als ich T&M II auf meiner eigenen Website veröffentlichte, musste ich mir Gedanken über sonstige Geldquellen wie Werbelinks, Auftragsarbeiten und Merchandise machen.
Mittlerweile bin ich wieder im “Beruf” gelandet, sprich, ich arbeite unselbstständig in meinem erlernten Brotjob. Viele (und zeitweise auch ich) sehen das als Scheitern der heren Ziele an, die Wahrheit ist aber, dass es kaum je einem Zeichner/Autor gelingt, ausschließlich und auf Dauer von seiner Kunst zu leben. Entweder hat man einen geduldigen Partner mit Brotjob, der die Miete zahlt, oder man muss immer wieder mal “dazuarbeiten”, wenn über die Zeichenschiene nicht genug reinkommt.
Tatsache ist weiters, dass es vor 10 Jahren noch keine Wirtschaftskrise gegeben hat und das Leben ganz allgemein noch billiger war. Mit dem, was ich damals verdient habe, käme ich heute nicht mehr über die Runden, trotz annähernd gleichen Lebensstils.
Dritte Tatsache ist, dass man, wenn man sich der 40 nähert, zu überlegen beginnt, ob man das Risiko wirklich eingehen will, auch weiterhin dem Glück zu vertrauen bzw. der Hoffnung, irgendwann mal “groß rauszukommen” und Millionen zu scheffeln. Den Gedanken sollte man sich lieber gleich abgewöhnen – das gelingt den wenigsten, und auch nur dann, wenn sie zusätzlich zum künstlerischen auch ein wirtschaftlichers Talent besitzen.
Je älter man wird, desto schwieriger findet man einen Job, das wird wohl jeder bestätigen können. Und je länger man aus dem erlernten Beruf draußen ist, umso schlechter stehen die Chancen, nochmal einsteigen zu können.
Das sind alles Dinge, die einem letztlich die Entscheidung schwer machen, wirklich und ausschließlich Künstler bleiben zu wollen. Denn das ist ja auch nicht High Life von morgens bis abends, man muss, um sich seine Kunst leisten zu können, eben auch Geldjobs annehmen und etwa für Werbeagenturen oder Zeitungen arbeiten. Das geht eine Weile vielleicht gut, aber dann hängen einem die dämlichen Artdirektoren und Grafic designer, die keine Ahnung von irgendwas haben, irgendwann mal zum Hals heraus. Dann will man kein Auftragskritzler mehr sein, sondern SEINE Sachen machen. Und dann fragt man sich, worin denn eigentlich der Unterschied liege, ob man nun für Geld einen Brotjob oder einen Zeichenjob verrichtet – völlig frei ist man in keinem von beiden.

11.6.2010 um 22:57
Leider hast Du damit vollkommen Recht. Das Dumme ist, dass Brotjobs einem viel Zeit rauben, die man für das Ausüben der Kunst brauchen würde – von der Energie mal ganz zu schweigen. Und doch bin ich froh, dass ich einen festen Job habe, der mir durchaus Spaß macht, anstatt von HartzIV zu leben, jede Menge freie Zeit zu haben und mir keine Materialien leisten zu können. Begeisterung, Hingabe, Talent: alles Voraussetzungen für eine goldene Kunstkarriere aber eben kein Garant. Und falls es Dich tröstet: ich verfolge schon seit Jahren Deine Arbeit und werde es auch weiterhin tun. Niemand muntert mich so auf wie Deine Vision vom cholerischen Tod! :-*
12.6.2010 um 9:26
@ Hesine: Vielen Dank für Feedback und Lob.
Ich will natürlich niemanden desillusionieren, mein Beitrag richtete sich auch eher an die Nicht-Zeichner, die die Situation meist nicht so gut kennen. Die Künstler selbst wissen eh, wie’s läuft. Und die, die noch ganz am Anfang stehen, sollten sich vielleicht doch besser darauf einstellen.
Damals, als ich beschlossen hatte, Comiczeichnerin zu werden, hätte mich auch keine noch so rationelle Warnung davon abbringen können. Und wenn man jung ist, ist das auch völlig ok, eben weil man noch viel leichter einen Job findet, wenn’s denn nötig wird. Damals waren aber auch noch andere Zeiten, nicht ganz so schlimme Arbeitslosigkeit, und die Zwangssozialversicherung noch nicht eingeführt. Damals konnte man als Künstler noch bescheiden überleben, jetzt ist das nahezu unmöglich, weil einem die Beutelschneider von der Sozialversicherung die Haare vom Kopf fressen. So oft kann ich gar nicht privat zum Arzt gehen, wie mich die schon geschröpft haben.
12.6.2010 um 11:16
Was noch dazukommt: der “Brotjob” ist eine gewisse Sicherung. Da kommt auf jeden Fall durch den Verkauf der Arbeitskraft Geld rein, man ist abgesichert – und wenn einem die Hackn (==Arbeit) auch noch Spaß macht, hat ma eine Win-Win Situation, wie man sie sich nur wünschen kann.
Ich für mein Teil hab mi narrisch gfreut, als du, Nina, endlich den Arbeitsplatz in der Tasche ghabt hast – In Zeiten wie diesen ist des Gold wert.
Ach ja – ich hab als junger Mensch, in einem anderen Lebensabschnitt, durch Malerei und auftragsarbeiten auch ein nettes Zubrot verdient. Dann hab ich auf IT-Techie umgeschult und damit hat sich das alles erledigt: Lernen und Arbeiten == 0 Zeit fürs Malen. ^^
14.6.2010 um 8:36
Distant hat eigentlich eh schon alles gesagt, was ich auch kommentieren wollte. Unter anderem, dass du – liebe Nina – eine Arbeit hast. Und in der ja äh Freizeit zeichnen kannst.