Filmkritik: District 9
Geschrieben in Wortspenden am Dienstag, 29.09.2009Eine etwas ungeplante Filmkritik, wie auch ein unerwarteter Film. Ich lese zwar Zeitung und verfolge latent die Kulturmitteilungen, aber der hier wäre an mir vorübergegangen, hätte mein Kinopartner Christoph mich nicht darauf aufmerksam gemacht und gestern dazu überredet.
Der Film ist großartig. Ich hatte nur eine kurze Inhaltsangabe darüber gelesen und war mit der Erwartungshaltung auf gepflegten Schwachsinn ins Kino gegangen, aber das hier ist Science Fiction in bester Tradition. Mit einer Vorausbedingung: Man darf sich nicht auf technische Logik versteifen. Der Film ist das, was SciFi im besten Fall immer ist: Sozialkritik im Technik- und/oder Fantasygewand. Mit der Betonung auf Sozialkritik.
Um niemandem sein persönliches Erlebnis zu verderben, muss ich mich schweren Herzens jeglicher inhaltlicher Detailwiedergabe entsagen. Nur so viel: Die Geschichte handelt in einer parallelen “Realität”, in welcher ein riesiges außerirdisches Schiff in den 80er Jahren direkt über Johannesburg(!) landete. Auf dem Schiff befanden sich unterernährte Aliens, die evakuiert und erstmal in Flüchtlingslangern untergebracht wurden. Mit der Zeit wurden daraus Townships, es kam zu Übergriffen und überall in der Stadt gab es Schilder, auf denen Aliens verboten wurde, dieselben Verkehrsmittel oder Straßenseiten zu benutzen wie Menschen. Kommt einem bekannt vor, nicht? Was wie ein etwas platter Abklatsch der Apartheid klingt, entspricht den persönlichen Erfahrungen des Regisseurs, der in Johannesburg aufgewachsen ist.
Der Film ist schonungslos, und damit meine ich nicht die – wirklich intensiven – Gewaltszenen, sondern auch was die Darstellung der Menschen betrifft. Die Weißen verüben medizinische Experimente an den Aliens, die Schwarzen (insbesondere nigerianische Ghettoclans) nutzen sie finanziell aus und alle sind an ihren Waffen interessiert. Durch die Geschichte führt ein Niemand, ein typischer Otto Normalverbraucher, den das Schicksal in eine tragische Rolle katapultiert und der sich auf einmal auf der anderen Seite des Zauns wiederfindet. Mehr will ich nicht verraten.
Man darf diesen Film keinesfalls logisch hinterleuchten – etwa warum die Aliens nicht einfach wieder heimgeflogen sind, wie sich menschliche DNA auf einmal so mir nichts dir nichts verändern kann etc. Das wäre der völlig falsche Zugang. Dieser Film ist eine Parabel. Man muss es einfach hinnehmen, genauso, wie man nicht hinterfragt, wie ein Kater Stiefel tragen oder ob ein Mensch wirklich 100 Jahre lang schlafen kann. Wenn man all die rationalen Überlegungen weglässt und einfach nur auf die Botschaft der Geschichte schaut, dann findet man ein kleines Juwel der Science Fiction Filmgeschichte, am ehesten wohl noch vergleichbar mit “Enemy Mine“.
Ich habe den Film diesmal auf Deutsch gesehen, was insofern gut war, als ziemlich viel militärisches Blabla und auch viele Dialekte vorkommen. Eine Rüge aber an die Synchronschreiber: Kann bitte keiner von denen zumindest auf der IMDb nachschauen, ehe er übersetzt? Die Aliens wurden mit “Shrimps” übersetzt, was zwar dem englischen “Prawns” entspricht, in diesem speziellen Fall aber eine Art südafrikanische Heuschreckenart bezeichnet. Und so sehen die Wesen auch aus, ich hätte sie also eher “Grillen” oder (noch abwertender) “Schaben” genannt.

29.9.2009 um 21:16
Na, dass mein Wunsch so schnell in Erfüllung geht, hätt ich ja nicht gedacht :-D
Schön, vielleicht geh ich da auch noch rein, klingt ja nicht schlecht.
Bei mir is erstmal Antichrist angesagt, und dann vielleicht “Die Frau des Zeitreisenden”.
30.9.2009 um 9:18
Schau Dir den Film auf jeden Fall noch mal auf Englisch an. Es lohnt sich schon alleine wegen des Südafrikanischen Dialektes.
30.9.2009 um 10:50
Das klingt echt gut. Ich hatte vor ner Weile mal eine Fernsehwerbung für den Film gesehen und dachte, der hätte doch Storypotential. Schön, dass dem tatsächlich so ist. Da werde ich ihn mir unbedingt noch ansehen. (Besonders wenn er mit Enema Mine vergleichbar ist…)
1.10.2009 um 16:31
War mit zwei Freunden in dem Film und wir hatten uns auf hirnloses Popkornkino (also Unterhaltung) eingestellt.
Man waren wir vom Donner gerührt, als sich der Film dann als ein nicht so leichtes Actiongewitter outete. (Ok das letzte drittel des Films hat genug Action, aber da hat man sich schon daran gewöhnt doch mal denken zu müssen. *gg*)
Mein persöhnliches Fazit:
SEHENSWERT!!! Die Hauptfigur war so herrlich Naiv-Blöd udn so von der eigenen “Propaganda” überzeugt, das es fast ein Vergnügen war seine Verwandlung zu beobachten. (Und sich dabei selbst zu ertappen.)
2.10.2009 um 16:34
also ich muß gestehen, ich hab doch zuviel hinterfragt bei dem Film. Warum sind die ET-Doddel jetzt wirklich 20 Jahre dageblieben ? Was war das für ein schwarzer Saft in dem Zylinder ? Raumschiff-Benzin oder doch eine human-to-prawn modifierendes GEN-Zeug ?
Ist der Ober-ET jetzt nur mit seinem Bub eine Runde spazieren geflogen ?
Ich weiß nicht, auf der Skala von 1-10 gibt´s 4 Punkte, maximal …
2.10.2009 um 18:03
@ Fritzale: Tja, dann hast du den Film leider nicht verstanden.
Fragst du bei Dornröschen auch nach, wie ein ganzer Hofstaat 100 Jahre erstarren kann, ohne dass ihnen der Stoffwechsel versagt? Oder warum eine Maus und ein Löwe auf einer rationellen Basis kommunizieren können und die Maus dann auch noch intellektuell versteht, wie sie dem Löwen helfen kann?
Mit so einem Ansatz hast du die Botschaft eben nicht erfasst.
Und um bei der Frage zu bleiben, warum die Aliens nicht wieder abgehauen sind: Über viele hundert Jahre haben Juden, Roma oder andere “Randgruppen” in Europa schwerste Verfolgungen über sich ergehen lassen – ohne “wegzugehen”. Oder naheliegender: Warum sind die schwarzen Südafrikaner in Zeiten der Apartheid nicht einfach woanders hingegangen anstatt die Rassentrennung über sich ergehen zu lassen?
5.10.2009 um 9:57
@Fritzale:
Also ich hab das so verstanden, das dieses “Schwarze Zeug” wohl essenziell zum Betrieb des Schiffes benötigt wurde. Allerdings hat man auch im Film gesehen, das es wohl irgendwie mühsam aus den Aliengerätschaften gewonnen und aufbereitet werden musste.
Um zu zittieren: “Es kann viel dabei schief gehen und es ist immer nur sehr wenig.”
Der Pilot hat nunmal eine lange Zeit dafür gebarucht um überhaupt soviel zu raffinieren um das Schiff zu ihrer Heimat zurück zu bringen.
In wie weit das nun möglich sein kann das so etwas noch dazu die Mutation auslöst, lassen wir mal dahin gestellt sein. Sience Fiction muss meiner Meinung nach genausowenig alles erklären können wie andere Fiktionen. ;o)
5.10.2009 um 12:24
@nina: Die Botschaft habe ich schon verstanden, und ich gestehe, nachdem ich den Film teilweise (im Autokino) auch auf Englisch gehört habe, den Wortwitz mit den Prawns habe ich auch mitbekommen.
Wenn da EIN Zylinder mit Sprit und EIN Zylinder mit GENzeugs gewesen wäre(der halt explodiert wenn so wie bei den Waffen ein NICHT-Alein dran rumfummelt) und der Pilot zum Schluß seine Kumpalan rauf gebeam´t hätte um abzuhauen, ok, dann hätt´s ne 6 gegeben. Immerhin “schwebte” das Riesenschiff ja auch zwanzig Jahre, soviel Energie wär also sicher vorhanden gewesen. Oder, der Author des Films/Buches sah in seinem Saft das magische Spice vom Wüstenplaneten, den die Navigatoren brauchten, das allerdings die “Menschen” auch schön langsam (in Fremen ?) verwandelt …
5.10.2009 um 18:17
@ Fritzale: Ich will dir dein Verständnis der Botschaft keineswegs abstreiten, aber es verwirrt mich doch, wie du sie verstanden haben und DENNOCH solche Fragen stellen kannst, die nichts damit zu tun haben. So, als ob du beständig fragen würdest, wie die Geißenmutter dem bösen Wolf während er schlief den Bauch aufschneiden konnte, das müsste er doch gespürt haben, und überhaupt, wie können die jungen Ziegen in seinem Bauch noch ganz und am Leben sein?
Das ist halt schlicht und einfach der falsche Ansatz.
6.10.2009 um 5:00
Hm, gibt halt verschiedene Sichtweisen und verschiedene Erwartungshaltung. Ich habe den Film ja auchschon wieder ganz anders erlebt. Die erste 3/4 Stunde habe ich gedacht: Tolles Szenario, tolle Erzählweise, alles sehr intelligent gemacht aber damit einen der Film doch noch mitnimmt, muß nochwas kommen. Und am ende dachte ich: Ja da is noch was gekommen. Auch wenn es schon komisch war, daß der Film in den ersten 2 Dritteln so gar nicht hollywoodmäßig erzählt wurde und sich im letzten Drittel Hollywood doch wieder stark angenähert hat. Aber ich denke, es ging da um Zuschauererwartungen, die da (auf eine sehr angenehme Art) erfüllt wurden.
Und was die Sache angeht ob ein Sience-Fiction Film wirklich nicht alles erklären muß, so muß ich sagen es kommt aufden Sience Fiction an. Bei so Sachen wie Star Wars ist die Science komplett vernachlässigbar, aber es gibt auch genug SF, wo ein kleiner Logikfehler (auch in Hinsicht auf die Technik) ziemlich viel kaputt machen würde. Diese Art der SF nennt man übrigens Hard SF. Und beide Arten haben ihre Daseinsberechtigung und vonbeiden Arten gibt es hochklassige Vertreter. ;)
7.10.2009 um 0:25
@ BeBad: Dem kann ich nur beipflichten. Es ist keineswegs so, dass ich von jedem dieselbe Rezeption eines Filmes verlange, das wäre ja schlimm. Aber es gibt da einen entscheidenden Unterschied:
- In einen Ingmar-Bergman-Film zu gehen und dann zu sagen, der Film sei eine Enttäuschung, weil man sich mehr/weniger Melodrama/Realismus/Sozialkritik erwartet habe bzw. den Film im Vergleich mit anderen des Regisseurs für weniger gelungen empfindet, ist ok.
- In einen Ingmar-Bergman-Film zu gehen und zu sagen, der Film sei schlecht, weil keine Action/Farbe/Schießereien drin gewesen seien, ist eine unqualifizierte Aussage, weil man sowas eben nicht von einem Bergman-Film erwarten darf.
Ich hab hier wieder mal Bergman als mein Liebslingsbeispiel herangezogen, es funktioniert aber natürlich in jeglicher anderer Hinsicht auch. Ich mag beispielsweise Tarrantino nicht so unbedingt, weswegen ich aber nie sagen würde, seine Filme seien schlecht (“Inglorious Basterds” muss ich erst noch schauen), sein Stil spricht mich bloß nicht an.
Und beim vorliegenden Film ist es nunmal so, dass die SF keine “harte” ist, dass also die gesamte Technik bzw. der gesamte Realitätsbezug durch die Parabelbrille gesehen werden muss. Nämlich genau so, wie ich bereits erklärt habe: Nicht fragen “Warum reisen die Aliens nicht einfach wieder zurück”, sondern vorher überlegen “Warum sind die Juden/Roma/sonstige Randgruppe nicht einfach weggegangen?” Die vordergründig logische Lösung ist nicht notwenigerweise die realistischste, wie das Juden/Roma-Beispiel beweist. Der gesamte Film ist auf unsere eigene Situation umzulegen, nur eben mit Fantasyelementen bestückt. Und in dieser Hinsicht ist er sogar wesentlich realistischer, als wenn nun irgendwelche technischen Details akribisch recherchiert worden wären.
Ganz abgesehen davon finde ich auch das Argument, die Aliens hätten einfach an Bord des Raumschiffs “gebeamt” werden sollen, völlig fehl am Platz. Wir sind hier nicht bei Star Trek, beamen konnten diese Aliens nicht. Sie waren genauso physisch beschränkt wie wir, also keine “Über-Aliens”, wie man sie sonst kennt. Um aufs Schiff zu gelangen, mussten Christopher und sein Sohn in dem Schiffsfragment hochfliegen, und dafür war eben technologische Vorbereitung nötig.
Warum kam vor Theodor Hertzl scheinbar kein Jude auf die Idee, einen eigenen Staat zu gründen? Man kann solche Fragen nicht logisch zerdröseln. Umso mehr als man ja anhand der Erfahrung weiß, dass damit nicht alle Probleme gelöst werden. Das gilt sowohl für Israel als auch für Südafrika.
7.10.2009 um 1:08
Insgesamt hast Du sicher nicht Unrecht. Wie Du an meinem oberen Post gemerkt haben solltest, fand ich den Film ja auch gut. Ich habe während des Schauens auch nicht auf die technische Seite geachtet (und nie behauptet der Film sei Hard SF), da mich die akribische Ausarbeitung der sozialen Situation in der die Aliens da gebracht wurden mich schon sehr gepackt hatte. Und in diesem Punkt und im Punkto Charaktere ist der Film schon fast zu realistisch, so viel es mir z.B. lange Zeit schwer (und ich glaub das war noch nichtmal unbeabsichtigt) mich mit den menschlichen Hauptcharakter zu identifizieren. Das was mich an dem Film verwundert hat ist, daß mich die Geschichte lange Zeit nicht gepackt hat. Wohl weil der Anteil des Plots in den ersten 3/4 des Films sehr gering ist. Da läßt sich die Geschichte unheimlich treiben und beschreibt nur die vorherrschende Situation. Zu diesem Zeitpunkt habe ich immer noch gehofft, das auf diesem toll (und auf seine Art beklemmend relaistisch aufgebautem) Setting noch eine Geschichte stattfindet, die dann Gott sei dank ja auch kam und immer mehr an Fahrt aufgenommen hat. Wäre das aber nicht passiert, wären meine Erwartungshaltungen als Zuschauer – trotz tollem Setting – schon sehr enttäuscht worden.
Ich bin trotzdem gnädig mit Leuten, die Filme auch einmal von der wissenschaftlichen Warte aus Hinterfragen, denn es gibt soviele Filme die unendlich viele Plotholes haben und nur auf Reng, explodier, rumms aufbauen, das Publikum aber anschließend glücklich und zufrieden den Kinosaal verläßt, während ich noch meinem Sessel sitze und mir von den Drehbuchautoren und dem Regiseur persönlich verarscht vorkomme, daß ich froh bin wenn auch mal anderen Leuten als mir das ein oder andere Plothole auffällt.
Denn ich glaube wenn das Kinopublikum insgesamt kritischer hinterfragen würde, dann würde auch die Qualität der Filme zunehmen.
Und “Inglorius Basterds” war mir auch an vielen Stellen zu tarantinomäßig, aber der Film lohnt sich trotzdem. Schon alleine für den Charakter den der Waltz spielt, Junge das ist einer der besten Charakterrollen, die ich seit Ewigkeiten in einem Hollywoodfilm gesehen habe. Ich dachte auch: Das is doch alles Hype, was die so über diese Rolle schreiben, aber nein diesmal stimmt es wirklich daß er mit jeder Nuance seines Spiels versteht den Zuschauer (in diesem speziellen Falle mich) vollkommen in seinen Bann zu ziehen versteht. Jede Textzeile von ihm (die anderen Charaktere sind relativ typisch Tarantino) scheint eine wahnsinnige Vielschichtigkeit aufzubauen, wie man es im Kino gar nicht mehr kennt. Und der Showdown im Kino hat ein paar der tollsten cineastischen Bilder, die ich seit Ewigkeiten gesehen habe. Glaub mir, der Film lohnt sich auch für Tarantinomuffel und obwohl er auch ein paar typische Tarantinolängen hat. ;)