Julian Fuhs & sein Tanzorchester, “Lieber kleiner Eintänzer” (1930)
Geschrieben in Musik am Montag, 08.09.2008Musik: Willy Rosen Text: Robert Gilbert
Refraingesang: Leo Monosson
Es gibt mindestens 2 CDs mit Schellacküberspielungen im Handel, die sich unter dem Titel “Schwule Lieder” finden lassen. So wirklich glücklich bin ich persönlich nicht damit. Ich habe es schon einmal erwähnt und betone es nochmals: Natürlich fiel die freche Anzüglichkeit jener Aufnahmen, in welchen vorzugsweise Männer andere Männer besingen (die Texte waren ursprünglich für Sängerinnen gedacht) auch damaligen Hörern auf. Ich bin bloß der Ansicht, dass wir heutzutage überinterpretieren, wenn wir derartige Geschlechterrollenspielereien sofort mit Homosexualität, Outing und dergleichen in eine Kiste werfen.
Die 20er haben sich diesbezüglich nicht versteckt, offen zur Schau gestellte Bevorzugung des eigenen Geschlechtes sowohl seitens der Männer als auch der Frauen war durchaus üblich (wenn auch sicherlich gesamtgesellschaftlich verpönt, sowas spielte sich nur in verruchten Großstädten und ohne rechtlichen Rückhalt ab). Die Vorurteile gegenüber Homosexuellen waren da, und zwar nicht nur in rechten Kreisen. Schwulenwitze waren auch im kommunistischen Arbeiterkabarett zu finden, dafür gibt es Tondokumente.
Es herrschte also wohl eine ähnliche Mischung von Akzeptanz, Faszination für das Andersartige und Verdammung desselben wie heute, bloß dass man heute Aufnahmen wie die oben verlinkte sofort mit intimen Bekenntnissen in einen Hut steckt, dies damals aber meines Erachtens nicht so streng gesehen wurde. Würde heute ein Interpret von Liedern aus den 20er Jahren diesen Text singen, würde jeder automatisch annehmen, er sei homosexuell. Leo Monosson war dies definitv nicht und es hätte ihm wohl auch keiner angedichtet, wie man ganz allgemein den Stars nicht derart “auf die Pelle rückte”, wie das heute auch mit Hilfe der Boulevardmedien Gang und Gäbe ist. Genau das ist der Unterschied, den ich hervorzuheben suche. Man war damals anscheinend etwas feinfühliger bei der Schubladisierung und ein wenig diskreter, was das Privatleben anderer Leute betrifft.

Ehrlich gesagt muss ich Ihnen da vollkommen zustimmen. Mich persönlich stört es, dass wirklich alles, alles was keine Sau angeht, in die Öffentlichkeit gelangt. Sei es die sexuellen Neigungen desjenigen oder Sachen, die nun mal nicht ins Fernsehen oder in irgendwelche Yellow Pages gehören.
Leider hat sich seit den 20er einiges geändert. Und man landet automatisch in irgendwelchen Schubladen, wird verallgemeinert ohne genau mal nachzufragen, was Sache ist. Oberflächlich und banal wird man abgespeist. Von den Medien und der Bevölkerung.
Früher hat kein Hahn danach gekräht wenn Prinz X schon wieder eine neue Geliebte hat, heute ist alles öffentlich. Und ehrlich gesagt interessiert mich das nicht wirklich was Hans Ferdinand von Richard auf Zugenäht grad mal wieder für eine Krise durchmacht wegen der und der. Das habe ich auch jeden Tag hier, ohne Adelstitel oder Hollywoodglamour. Darum habe ich auch nie gerne diese Talkshows im Fernsehen gesehen, ausser sie haben sich mal Mühe gegeben und ein wirklich ernstes Thema gehabt, was nur alle Jubeljahre vorkam. Oder dieses sogenanneten Reality shows a lá Big Brother finde ich einfach nur peinlich.
Die Diskretion ist einfach weg. Es passiert nur noch öffentlich und alle Welt schaut wie früher in Rom bei den Gladiatorenspielen zu. Wie gaffende Affen im Zoo.
Ich wollte nur sagen, dass ich Ihre Geschichten, sei es Nina oder nun der Tod und das Mädchen schon eine Weile verfolge und ich jedes Mal hingerissen bin von den Schalk und dem Witz und doch Ernsthaftigkeit, der hinter allen steht.
Machen Sie so weiter. Ich bin ein großer Fan.
Liebe Grüße aus noch Niederbayern
Bridget
@ Bridget: Vielen herzlichen Dank! Ich kann Ihrem Kommentar auch nur zustimmen und freue mich, dass meine Worte wie beabsichtigt nicht als Kritik an den Schwulen, sondern eben an der Sensationsgier der Gesellschaft angekommen sind.
Im Prinzip bin ich ganz bei Euch, es stimmt nur nicht, dass es hinsichtlich Toleranz früher besser gewesen sei.
Neugierde, Häme und üble Nachrede waren allerdings mehr auf die nähere Umgebung focusiert und nicht auf sogenannte „Promis“.
Das Wort „Leute ausrichten“ hat seine Herkunft aus „Leute an einer Norm messen“ und war ein sehr beliebter Zeitvertreib der Hausfrauen bei den jeweiligen Wasserentnahmestellen (Dorfbrunnen oder Bassena). Alles, was nicht ins Alltagsbild passte, wurde gesellschaftlich geächtet. Man musste sich in Kleidung und Lebensstil sehr viel mehr anpassen als heutzutage, weil sonst „die Leute reden“.
Die Medien bedienen nur diese Vorliebe „nun woll’n wir mal gucken, dann werden wir schon sehen“ und irgendwie sehe ich auch einen Vorteil darin:
Mir persönlich ist es nämlich lieber, wenn die Leute ihre Sensationsgier mithilfe Yellow Press und TV Shows befriedigen und unmittelbaren Nachbarn wie dich und mich als uninteressant weitgehend in Ruhe lassen.
Und die Toleranz gegenüber Schwulen und Lesben ist ebenfalls besser geworden – obgleich es da noch sehr viel Nachholbedarf gibt!!!. In Österreich war praktizierte gleichgeschlechtliche Liebe auch unter Erwachsenen bis 1971 ein Verbrechen, das als „Unzucht wider die Natur“ mit mindestens 2 Monaten Zuchthaus bestraft wurde.
Jeder kann sich vorstellen, wie damals Denunziantentum und Erpressung blühten. Eine „Regenbogenparade“ oder ein „Lifeball“ noch dazu im Wiener Rathaus (!!) wäre undenkbar gewesen.
Ich bin mit vielem nicht einverstanden, was heute so vor sich geht, aber dass es früher viel besser gewesen sei, stimmt einfach nicht!! Anders, ja – aber sicher nicht besser!
@ Melanie: Da hast du mein Posting nicht ganz verstanden oder hab ich es nicht richtig ausgedrückt: Ich habe keineswegs gemeint, dass es damals besser gewesen sei, bilde mir auch ein, darauf hingewiesen zu haben (ich hab den Text jetzt nicht nochmal durchgelesen), dass das eben nicht so war, vor allem nicht in rechtlicher Hinsicht. Ich sagte bloß, dass es innerhalb dieser kleinen Inseln der “Toleranz”, also in den Bars, Nachtclubs, Kabaretts und Varietés seitens des Publikums kein solches ÖHA! gegeben hat, dass man Homosexualität ausschließlich hinter zweideutigen Texten versteckt hätte, wie das noch ein paar Jahre zuvor der Fall war, sondern dass die Künstler, die homosexuell waren, dies zum Teil auch bekannten.
Was ich damit meinte war, dass die Männer, die Frauentexte sangen, nicht automatisch als schwul geoutet waren, wie das heute der Fall ist. Mir geht es einzig allein um diese Schublade, die heute viel häufiger gezogen wird als damals. Es war damals einfach Mode, mit den Geschlechtern und Geschlechterrollen zu spielen, ohne dass da gleich Rückschlüsse aufs Privatleben gezogen wurden. Bestes Beispiel dafür wäre Ella Shields.
Dass die Masse der Bevölkerung Vorurteile hatte, steht völlig außer Frage, das zeigt sich ja auch in der Schwulen- und Lesbenverfolgung unter den Nazis. Ich rede hier keineswegs von einer “guten alten Zeit”, sondern hob lediglich diesen einen Punkt des Rückschlusses von Bühnenvortrag auf Privatleben hervor.
Im übrigen hat sich bis heute nicht viel geändert, diese Pseudo-Veranstaltungen wie CSD und Life Ball sind doch bloß Feigenblätter für die Regierung, aber hinter den Kulissen ist man genauso Außenseiter und gebrandmarkt. Und das in jeglicher Hinsicht. Ich (Jahrgang 1972, unehelich geboren, alleinstehende Mutter, der Vater hat sich abgeseilt) habe mich von meiner Volksschullehrerin noch vor der Klasse einen “Bastard” schimpfen lassen dürfen. Und auch in Teilen meiner … sagen wir mal, “großteils nicht sehr aufgeschlossenen” Familie galt ich auch immer als schwarzes Schaf. Die Reden, die da mitunter geschwungen werden, könnten jeden Stammtisch zum Erblassen bringen.
Die Vergangenheit ist nicht so fern, wie es den Anschein hat, sie wird nur aus den Medien verdrängt.
Meine “Belehrungen” waren eigentlich als Antwort an Bridget gerichtet: “Früher hat kein Hahn danach gekräht wenn Prinz X schon wieder eine neue Geliebte hat”. und ich hatte Freunde, die haben sich umgebracht, wegen des Geredes und der “Schande”.
Ich weiss sehr gut, was alles noch im Argen liegt, aber ich hoffe sehr, dass sich auch seit 1971 das eine oder andere gebessert hat. Auch für alleinerziehende Mütter und Ihre Kinder. Bitte, sagt ja: ich habe ein Leben dafür egkämpft. Auch für meine zahlreichen schwulen Freunde.
@ Melanie: Verstehe. Bitte meine Rückantwort auch nicht als Angriff zu verstehen.
Was die Änderungen betrifft: Ja und nein.
Ja: Es hat sich natürlich insofern etwas geändert, als Homosexualität als solche heute nicht mehr strafbar ist, zumindest bei uns.
Nein: In den Köpfen der Leute sind noch imme genau dieselben Vorurteile und derselbe paranoide Hass veranktert. Ich seh’s (leider) in der eigenen Familie, die wohl ein ziemlich gutes Abbild der typischen “Wiener Arbeiterseele” ist.
Und schauen Sie doch einmal, wie die FPÖ auf einmal gegen Schwule und Lesben zu wettern beginnt, seit ihnen der Maulkorb entfernt wurde. Solange der Schrankschwule Haider Chef war, konnte man natürlich nichts sagen. Die ÖVP mauert wo sie kann gegen die gleichgeschlechtliche Ehe, einzig die Glamour-Ecke ist “ihnen” vorbehalten.
Das ganze erinnert mich fatal an die Lage der Frauen in Österreich. Noch immer kriegen wir für gleichwertige Arbeitsleistung ein Drittel weniger Entgelt. Aber um den Schein der Gleichbereichtigung zu wahren, werden jetzt brav überall die INNEN dazugesagt, und einige Frauen entblöden sich nicht, das Wörtchen “man” gegen “frau” einzutauschen. Ich halte das für kontraproduktiv, weil es nicht die Anwenderinnen, sondern die Sache an sich der Lächerlichkeit preis gibt.
Die wahren Probleme – Schlechterstellung der Frau, sexistisches Grunddenken in der Gesellschaft – existieren nach wie vor, bloß werden sie mit der medialen Sahneschicht des “Gendertalk” zugedeckt.
Zugegeben, das Problem der ledigen Kinder ist zumindest ausgrenzungsmäßig keines mehr (finanziell schaut es natürlich anders aus, das Problem einer ledigen Mutter, Kinderaufzucht und Beruf unter einen Hut zu bringen, brauche ich nicht extra erwähnen). Das liegt aber vermutlich daran, weil es ab den 80ern Mode wurde, seine Kinder vaterlos aufzuziehen. Die schiere Masse macht es vermutlich aus.
Vielleicht sollten dann wirklich mehr Leute schwul und lesbisch werden. Die schiere Masse könnte ebenso ein Umdenken in der Gesellschaft erzwingen. ;-)
Noch eine Einschränkung: Das Problem ist vielleicht in Österreich gravierender, grad von Polen werden wir bezüglich Rückständigkeit punkto Homosexualität noch übertroffen. Ich weiß nicht, ob es in Österreich möglich wäre, dass sich ein Schwuler oder eine Lesbe outet und dennoch in der Politik Karriere machen kann. Ich behaupte nicht, dass das gleich eine bessere Qualifikationsgrundlage darstellt, es sollte vielmehr keine Rolle spielen, aber bei uns ist es – anders als in Deutschland – noch immer ein Hinderungsgrund.
Also so ganz kann ich das ja jetzt mit der österreichischen Politik und den Homosexuellen nicht stehen lassen. Natürlich ist Österreich vor Polen noch grade nicht an letzter Stelle bei den Rechten für Homosexuelle, aber wir haben mit Ulrike Lunacek doch eine seit jeher bekennende Lesbe mit den Grünen im Parlament sitzen. Ist nicht viel, aber immerhin, sie sitzt da, macht Karriere und wir sind stolz auf sie. :o)
Ja, okay, aber die Grünen sind sowieso eine Ausnahme, die werden auch nie eine Mehrheit erreichen. Kannst du dir aber vorstellen, dass bei uns ein Roter, der sich dazu bekennt, zB zum Bürgermeister oder Präsidenten gewählt würde? Also wirklich von einer Mehrheit der Bevölkerung? Die Grünen sind lieb und nett, aber man kann nicht behaupten, dass sie die österreichische Meinung repräsentieren.
Ich möchte nochmals betonen, ich finde die sexuelle Einstellung oder meinetwegen auch die nationale Herkunft nicht entscheidend, wenn es um die Befähigung eines Politikers geht. Dafür ist der Jörgl ja der lebende Beweis. Insofern ist es für mich kein Verdienst, wenn jemand schwul ist oder einen Migrationshintergrund hat. Es lässt bloß auf die Haltung der Bevölkerung schließen, wie damit umgegangen wird.
Ich kann über Klaus Wowereith in Berlin nichts sagen, ich habe keine Ahnung, wie gut oder schlecht die Roten in Berlin agieren. Aber ich weiß ziemlich sicher, dass er in Wien nicht Bürgermeister geworden wäre, auch wenn er noch so kompetent sein mag.
Ich kenne auch genügend Ex-Haider-Sympathisanten, die den Jörgl nicht mehr wählen, seit sein “Geheimnis” letztlich auch in ihre Dickschädel vorgedrungen ist. Andere wiederum wählen ihn nicht trotzdem, sondern weil sie es abstreiten. So ist der Österreicher.
Mir ist schon bewusst: mein wehleidiges Gejammer, wie schlecht es früher gewesen ist, interessiert zu Recht niemanden wirklich und ist auch kontraproduktiv. Wir leben in der Gegenwart und da gibt es wahrlich noch genug zu verbessern. Entwarnung kann erst geblasen werden, wenn Herkunft, Geschlecht und/oder sexuelle Orientierung so wenig interessant geworden sind, wie die Tatsache ob jemand seinen Kaffee mit oder ohne Milch trinkt.
Wird noch dauern, schätze ich, aber, wenn im Rückblick Fortschritte zu verzeichnen sind – und wenn es auch nur Trippelschrittchen sind – kann man doch daraus auch Hoffnung schöpfen, dass Bemühungen (Wortstamm Mühe!!) doch nicht ganz vergeblich sind. Deshalb wehre ich mich so gegen „Früher war das Goldene Zeitalter“, weil’s ganz einfach nicht stimmt.