Refraingesang: Max Hansen
Geschrieben in Musik am Samstag, 24.05.2008Ich beginne heute meine Reihe von Portraits einzelner Sänger. In der Regel werden das typische Refrainsänger sein, aber auch Schauspielsänger waren überaus erfolgreich und unterstützten ihre Bühnenkarriere oft mit Plattenaufnahmen, wie es zum Beispiel Max Hansen (Link führt zur Wikipedia) tat.
Hier haben wir einen Sänger, dessen schnarrende Stimme sich dem heutigen Zuhörer nicht sofort ins Ohr schmeichelt. Wer heute die schön schmachtenden Schnulzensänger hört, lässt sich leicht zur Musik der 20er/30er-Jahre bekehren, wer hingegen mit den damaligen Buffo-Tenören konfrontiert wird, schüttelt vielleicht erstmal den Kopf.
Max Hansen war, wie Willi Forst, auf den ich auch noch zurückkommen werde, ein Operettenbuffo und Schauspieler, abgesehen davon auch Kabarettist. Ihn sollte man daher nicht bloß hören, sondern sehen. Im Gegensatz zu den reinen Refrainsängern steht bei ihm das Schauspiel im Vordergrund.
Dieser Videoclip stammt (laut YouTube-Poster) aus 1932, leider gibt der User nicht an, welchem Film der Ausschnitt entnommen ist. Der Witz liegt darin, dass Hansen sich hier sein eigenes Lied im Radio anhört, um dann die zweite Strophe real selbst zu singen. Allein wie er seine Partnerin nach dem beschwingten Foxtrot in den Fauteuil schleudert, ist die Sache anzusehen schon wert.
Das nächste Beispiel bietet zwar keinen Filmausschnitt, dafür aber die zweitbeste Sigismund-Version, die ich kenne (getoppt wird die von der Einspielung Marek Weber/Siegfried Arno, die ich noch vorstellen werde). Erklärung: “Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist” (Paul Godwin Orchester, 1930) ist eine Nummer aus der Operette “Im Weißen Rössl”. In nämlichem Stück kreierte Max Hansen die Rolle des Zahlkellners Leopold, die meines Wissens nach auch 1930 1926 (Info s.u.) mit ihm verfilmt wurde.
Hansen hatte eine unglaubliche Stimme, er konnte sogar im Sopran singen. Das beweist dieser Clip, der leider nicht von bester Qualität ist. Dennoch sollte man sich das anhören, meiner Ansicht nach lohnt es sich, Hansens Travestieszene ist umwerfend. Worum es genau geht, wird leider nicht ersichtlich, nur soviel ist klar: Eine Handvoll Opernsänger geht (weshalb auch immer) durch ein Spalier. Erst die erste Sopranistin, dann der Bariton, dann die Altistin, dann der Bass, und schlussendlich Hansen in Frauenkleidern, der sich als zweiter Sopran ausgibt und eine wirklich erstaunliche stimmliche Leistung darbringt.
In “Wenn ein Fräulein keinen Herrn hat” (1928) singt Hansen gleich mit sich selbst im Duett. Leider ist der Schluss abgeschnitten, sind aber nur ein paar Takte.
So, und jetzt zum eigentlichen Grund dieses Postings. Ich habe nämlich kürzlich einen Online-Artikel gelesen, in welchem sich – wie so oft – ein ahnungsloser Journalist über das Thema “Musik der 20er Jahre” hermacht und in der Folge – wie leider ebenso oft – nichts als Unsinn verzapft. Der Schreiberling behauptete sinngemäß, dass das Schlimmste, was man in den damaligen Schlagertexten finden könne, ein vom Balkon herabfallender Kaktus oder das zu kurz geratene Kleid der Elisabeth (welches korrekterweise zu lang geraten ist, nichtmal das hat der Mensch kapiert) sei, wenn man Realität wolle, müsse man schon die Nachrichten schauen.
Das ist leider ein weit verbreiteter Irrglaube. Sicher, es gab die witzigen Dumdideldum-Schlager und es gab die reine Tanzmusik, aber ich würde mal behaupten, die 20er Jahre waren die politischste Zeitspanne überhaupt, was Unterhaltungsmusik betrifft. In den Kabaretts, in den Varietés wurde ordentlich politisiert und kritisiert, und auch Hansen hat das getan. In dem von ihm komponierten Lied “War’n Sie schon mal in mich verliebt” (1928) folgt den ersten beiden amüsant-frechen Strophen auf einmal eine zeitpolitische, die mich beim ersten Mal Hören vom Hocker gehauen hat. Man bedenke: 1928. Ich kann mir nicht helfen, das heutige Wissen, was aus dem bierseligen Loser, der da besungen wird, tatsächlich wurde, gibt dem witzigen Lied einen sehr bittersüßen Beigeschmack.
Max Hansen emigrierte 1933 aus Deutschland zunächst nach Österreich, dann weiter nach Schweden und Dänemark, wenn man der oben verlinkten Wikipedia-Seite vertrauen kann (ein Fehler ist nämlich definitiv drauf, bezüglich der Verfilmungs- und Uraufführungsdaten des “Weißen Rössl” Korrektur: kein Fehler, nur schlecht angeschrieben; die Verfilmung mit Max Hansen stammt aus 1926 und bezieht sich auf das der Operette zugrunde liegende Stück, nicht die Operette selbst).

24.5.2008 um 21:12
Hallo Nina,
wahrscheinlich trage ich da eh eine Eule nach Athen – aber kennst du das Buch “Verehrt, verfolgt, vergessen. Schauspieler als Naziopfer” von Ulrich Liebe? Ich hab’s vorhin (bislang ungelesen! Schande!) aus dem Regal genommen und durchgeblättert – auch z.B. zu Max Hansen sind etliche Eintäge drin. Als ich gerade gecheckt habe, ob das Buch noch auf dem Markt ist, habe ich festgestellt, dass im Unterschied zu meiner alten Ausgabe aus den 90er Jahren in der neuen eine CD mit Songs von Gerron, Grünbaum etc enthalten ist!
Ich freu mich jedenfalls schon auf weitere Folgen dieser Reihe hier!
Grüße,
Roman
24.5.2008 um 21:40
Nein, du trägst keine Eulen nach Athen. Ich gestehe, ich habe keine großartige Bibliothek, was derlei Nachschlagewerke betrifft. Das Buch klingt verführerisch, ich werd’s sofort auf meine Amazon-Wunschliste setzen. ;-) Danke für den Tipp.