Hal Kemp AHO, “Gloomy Sunday” (1936)
Geschrieben in Musik am Dienstag, 31.08.2004Gesang: Bob Allen
Text: László Jávor englische Version: Sam M. Lewis
Das Video ist hier irrelevant.
Anno 1933 schrieb der Ungar Rezsô Seress dieses Lied, angeblich aufgrund einer unglücklichen Liebe. Was in der Folge geschah, kann man zum Teil als kuriose Tragödie, zum Teil aber wohl auch als urbane Legende ansehen: Das Lied, welches in Melodie und Text (wovon es mehrere gibt) eine bemerkenswerte Morbidität vermittelt, soll vielfacher Auslöser für Suizide in allen Ecken der Welt gewesen sein.
Es gibt eine sehr nette kleine Website, die sich mit der Geschichte des Liedes, den Texten und dem Mythos drumherum befasst (wiewohl ich nicht alles wörtlich nehmen würde!). Interessant: Der originale Text, der vom Komponisten stammt, handelt (wenn man der Übersetzung, die obig verlinkte Seite aus dem Ungarischen anbietet, glauben darf) weniger von unglücklicher Liebe, denn von einer generellen Auswegslosigkeit angesichts menschlicher Zerstörung und Kriegswut. Allerdings konnte sich dieser Ur-Text nicht gegen die spätere, romantisch-morbide Version von László Jávor (die man hier nachhören kann) behaupten.
Mit dem bloßen Hausverstand betrachtet würde ich sagen, dass Gloomy Sunday aufgrund seiner Botschaft natürlich anziehend auf suizidgefährdete Menschen wirkt. Es scheint mir nur logisch, dass viele, die sich das Leben nahmen, es zu den Klängen dieses Liedes taten bzw. seinen Text in ihren Abschiedsbriefen zitierten. Wenn man sich umbringen will, wird man pathetisch – ich könnte davon ein Lied singen (spiele es aber lieber vor ;-P).
In keinem Fall wird aber ein solches Lied der ursprüngliche Auslöser sein. Es muss bereits ein gewisser Lebensüberdruss oder eine sonstige psychische Ausnahmesituation bestehen, damit ein Lied oder Gedicht derartige Wirkung hervorruft.
Wenn ich erinnern darf: Seinerzeit hatte Goethe’s Sturm-und-Drang-Roman “Die Leiden des jungen Werther” eine wahre Werther-Manie ausgelöst. Junge Leute kleideten sich wie der Titelheld bzw. seine unerreichte Geliebte und begingen reihum Selbstmord. Goethe selbst soll sich von diesem Treiben vehement distanziert haben, wie er in reiferen Jahren von seinem gesamten Jugendwerk ja generell eher wenig hielt. Makaberer Schlusssatz: Der Komponist von Gloomy Sunday hat sich 1968 mit einem Sprung aus dem Fenster das Leben genommen.
Nun also: Ich muss alle schwächeren Gemüter dringend bitten, sich dieses Lied nur mit äußerster Vorsicht anzuhören! Ich will nicht für die nächste Selbstmordwelle verantwortlich zeichnen.
Auf mich persönlich hat es eigentlich keinerlei deprimierende, sonder im Gegenteil, sehr romantische und damit motivierende Wirkung. Aber ich bin ja sowieso …anders. Übrigens könnte es sein, dass den Hörern zeitgenössischerer Popularmusik die Melodie durchaus bekannt vorkommt – es gibt endlose Coverversionen davon, von Elvis Costello über Björk zu Sarah Brightman. Mit der herrlichen Niedergeschlagenheit der Ersteinspielung von Hal Kemp können sie sich für meinen Begriff aber alle nicht messen.
